Und die Welt steht still

„Letzte Lieder“ in der Heilig-Kreuz-Kirche

Um 18 Uhr soll das Konzert beginnen, bereits eine halbe Stunde vorher stehen die Menschen Schlange, alle Plätze sind innerhalb kürzester Zeit belegt, so groß ist das Interesse an diesem Konzert. Dass aus einem Buch solch ein musikalisches und künstlerisches Projekt entsteht, ist bestimmt selten. Dass das Thema „Sterben“ mit solchem Engagement und in solcher zum Teil fröhlicher Atmosphäre Gehör findet, ist garantiert noch seltener.

Stefan Weiller, der Autor des Buches „Letzte Lieder“, hat sich bestimmt zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit dieser Thematik noch nicht vorstellen können, dass er einmal so viele Menschen zusammenführen und bewegen wird. So ist das Thema „einfach vom Himmel gefallen“ erinnert er sich. Es ist eher ein Zufallsprodukt, das entstanden ist, als Weiller bei der Recherche für einen Artikel ein Wiesbadener Hospiz besuchte. Anstatt der befürchteten düsteren, traurigen Atmosphäre und der Stille schallte ihm aus dem Zimmer „Immer wieder sonntags“ von Cindy und Bert entgegen. „Die Angst war weg“, erinnert er sich und möchte nun diese Erfahrung gegen die Angst teilen. Dies war die Geburtsstunde des Buches „Letzte Lieder“, in dem sterbende Menschen in verschiedenen Hospizen über die Musik ihres Lebens berichten. So auch Gäste des Osnabrücker Hospizes, das nun gemeinsam mit der Heilig-Kreuz-Kirche das Konzert organisierte.

An diesem Aprilabend sollten 23 inzwischen Verstorbene noch einmal unter den Anwesenden in der Osnabrücker Heilig-Kreuz-Kirche sein und ihre Lieder gehört, gesungen, getanzt werden. Ganz im Sinne des Hospizes weist Weiler noch einmal darauf hin, dass alle Gefühle erlaubt sind. Es darf, es soll sogar auch gelacht werden. Gemeinsam mit hochrangigen Mitwirkenden wie Birgitta Assheuer und Christoph Maria Herbst als Sprecher und hervorragenden Musikern durchlebten die Anwesenden fünf Jahreszeiten, beginnend im Frühling und lernten 23 Menschen kennen, die durch brennende Kerzen auf Großleinwände symbolisiert wurden. So unterschiedlich wie diese Gäste des Hospizes sind und waren, so verschieden sind auch ihre Lieder, die an diesem Abend erklingen. Während beispielsweise „Komm lieber Mai“ das Lied des Bewohners aus Zimmer 1 ist, so wünschte sich der selbsternannte „König des schlechten Geschmacks“ aus Zimmer 7 den Schlager „Guten Morgen Sonnenschein“. Die Bewohnerin des Zimmers 10 wollte gar nicht über den Tod sprechen. Sie fand ein lebendiges Schlagzeugsolo sehr passend. Die Schwester des kleinen Ole von Zimmer 11 ist sich sicher, dass dieser vom Mond aus zuschaut und dass er nun weiß, ob es tatsächlich grüne Sterne gibt. Als „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ gesungen wird, singt das Publikum mit, es fließen aber auch Tränen. Wie auch im Hospiz, muss hier niemand mit seiner Traurigkeit alleine sein und mit seinen Emotionen hinter dem Berg halten. Alles ist erlaubt! Gemeinsam wird auch die Stille ertragen, die der Gast des Zimmers 13 wünschte. „Sterben ist Scheiße“, war sein Fazit, es ist auch nicht die Musik, die zählt, sondern der Mensch, der diese macht.

Ein Abend, der gefüllt ist mit Walzerklängen, Heavy Metal, orientalischem Bauchtanz und Schlagern, zu denen geschunkelt, getanzt, mitgesungen wird und alle 23 Menschen, die hier noch einmal zu Gast sein durften, haben diese Aussage bestätigt, jeder auf seine Art und Weise, so traurig und fröhlich, so laut und leise, wie sein Leben war. Und ja, Osnabrück ist reif für die „Dancing Queen“ am Sarg und es ist gar nicht das Sterben, das an diesem Abend das Thema war, sondern die Liebe!

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