Charlotte FsJ 2019-2020: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Als ich nach dem Abitur beschloss, ein Freiwilliges soziales Jahr zu machen, wollte ich unbedingt viel Neues erfahren. Dass es dann so viel Neues wurde, konnte niemand ahnen. Ich suchte mir einen Arbeitsbereich, in dem ich absolut keine Erfahrung hatte. Weil ich vorher noch nie mit Menschen am Rande der Gesellschaft in Kontakt gekommen bin, fand ich deshalb diesen Bereich so interessant. Ich wollte herausfinden, was sich für Gesichter, Menschen und Geschichten hinter dem Begriff „wohnungslos“ verbergen.

So wurde ich in die Fachberatungsstelle und die Tageswohnung für wohnungslose Menschen vermittelt. Als ich zum Vorstellungsgespräch das Haus in der Bramscher Straße 11 betrat, kam mir ein Mann entgegen, den ich schön öfter in der Stadt mit der Straßenzeitung abseits habe stehen sehen. Von ihm gab es gleich mal eine freundliche Begrüßung. Da ich noch etwas warten musste, setzte ich mich in den Aufenthaltsraum, wo ich auch schnell von den ersten Besuchern angesprochen und gefragt wurde, wer ich denn sei. Ein neues Gesicht fällt eben direkt auf. So ging ich nach dem Vorstellungsgespräch und diesen ersten Eindrücken mit einem positiven Gefühl aus dem Haus. Ich wusste: Das ist es! Das möchte ich das nächste Jahr über machen.

Aller Anfang ist schwer. Gerade wenn man frisch aus der Schule kommt, ist eine 39-Stunden-Woche eine ziemliche Umstellung. Nach den ersten Tagen inklusive einem kleine Fahrradunfall hatte ich mich aber dann doch sehr schnell eingelebt. Besonders die netten Kolleginnen und Kollegen haben dabei sehr geholfen, sodass ich mich direkt im Team aufgenommen fühlte. Mein Alltag war eigentlich gar keiner, denn jeden Tag stand etwas anderes auf dem Plan, und jeder Tag war anders als der davor. Zu meinen Aufgaben gehörte unter anderem die Mithilfe in der Küche, Botengänge, Aufträge der Sozialarbeiter erledigen, Mitarbeit in der abseits-Redaktion, Begleitung von KlientInnen bei Einkäufen und Arztbesuchen und häufig auch einfach Zuhören bei Besuchern. Besonders gut gefallen hat mir das Vertrauen, welches einem schnell entgegengebracht wird.

Natürlich ist damit auch eine große Verantwortung verbunden. Aber genau an sowas wächst man. Ich kann sagen, dass ich in diesem Jahr sehr viel selbstständiger und selbstbewusster geworden bin. Das freie Arbeiten, Termine selber strukturieren oder auch zu lernen, einfach mal „nein“ sagen zu können – das sind Dinge, die ich in jedem Fall mitnehmen werde.

Soweit war alles neu, aufregend und toll. Aber dann kam Corona. Das war natürlich noch neuer, noch aufregender, aber auch nicht ganz so toll. Die Situation war für jeden eine Umstellung. Das Personal in Tageswohnung und Fachberatungsstelle wurde in zwei total getrennte Schichten aufgeteilt, damit im Fall einer Infektion nicht alle Mitarbeiter dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt wurden. In die Tageswohnung gelangt nur, wer akut wohnungslos ist. Und auch der Besuch der Fachberatungsstelle war anfangs extrem eingeschränkt. Nicht mehr jeden Tag alle Kolleginnen, Kollegen zu sehen und nur noch wenige Besucher zu sehen, war nicht das, was ich mir eigentlich für meinen Freiwilligendienst erhofft hatte. Aber auch diese Zeit war eine interessante Erfahrung.

So blicke ich jetzt auf ein Jahr voller überwundener Anfangsbedenken, vieler unterschiedlicher Emotionen und eine Menge gemeisterter Herausforderungen zurück. Mein Freiwilliges soziales Jahr hat mir viele schöne, spannende und neue Erfahrungen mitgegeben, mich zu einem selbstständigeren Menschen gemacht und mir auch in Hinblick auf meinen weiteren beruflichen Weg geholfen. Denn jetzt weiß ich, dass ich Soziale Arbeit studieren werde.

 

5L Charlotte

Fotos: Helga Duwendag-Strecker